„Das, was versprochen wird, wird auch eingehalten“

Anna-Maria Neudorfer, Bereichsleiterin Gentechnikzertifizierung bei der Salzburger Kontrollstelle SLK GesmbH, im Gespräch: Anna-Maria Neudorfer ist seit vielen Jahren in führender Position bei Gentechnik-Kontrollen aktiv. Als Bereichsleiterin bei der Salzburger Kontrollstelle SLK GesmbH ist sie zugleich auch Gentechnik-Sprecherin bei den IG-Kontrollstellen, der Dachorganisation der österreichischen Kontrollstellen. Die „Ohne Gentechnik hergestellt“-Auslobung gelte in Österreich als besonders hochwertig und zuverlässig, da ein detailliertes, unabhängiges Prüfsystem über die ganze Wertschöpfungskette hinweg dahintersteht.

Frage: Du bist seit vielen Jahren in leitender Funktion mit den Vor-Ort Kontrollen im Rahmen der „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung von Futter- und Lebensmittel befasst. Wie ordnest Du den Stellenwert der regelmäßigen externen Kontrollen im Rahmen der „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung ein?

Neudorfer:
Der Stellenwert von regelmäßigen, unabhängigen externen Kontrollen liegt sehr hoch. Denn ein guter Standard kann noch so gut „geschrieben“ sein, aber ob dieser dann auch in der richtigen Form umgesetzt wird, wird nur durch die erwähnten Kontrollen auf hohem Niveau gehalten. Zu betonen ist: Nicht nur unabhängige externe Kontrollen sichern die Gentechnik-Freiheit in Österreich ab, sondern auch die Tatsache, dass es sich um einen akkreditierten Standard handelt. Das bedeutet, dass auch wir als Kontrollstellen regelmäßig und streng überwacht werden, ob das Kontrollsystem ordnungsgemäß umgesetzt wird. Das schafft in Summe einen sehr hohen Stellenwert und damit beste Voraussetzungen für Vermarkter und Konsument:innen – da sie sich auf dieses Zeichen und diesen Standard verlassen können. Das, was versprochen wird, wird auch eingehalten.

Frage: Wie kann man sich diese Vor-Ort Kontrollen vorstellen? Was wird alles geprüft, in welcher Intensität?

Neudorfer:
Das Schema einer Vor-Ort-Kontrolle, in der Fachsprache „Evaluierung“ genannt, ist immer ähnlich. Die Tiefe und die Details sind dann je nach Betrieb verschieden. Eine Vor-Ort-Kontrolle beinhaltet in der Regel immer die Belegsprüfung, einen Betriebsrundgang, die Überprüfung von Warenströmen und eine ausführliche Berichterstellung (Kontrollbericht).

Im Detail bedeutet dies: Man verschafft sich am Anfang einen Überblick über den Betrieb. Dann werden Betriebsmittelzugänge und Zukäufe eingesehen. Die Betriebe sind im Rahmen der GVO-frei-Zertifizierung verpflichtet, sämtliche Zukaufs- und Verkaufsbelege (Rechnungen/Lieferscheine) aufzubewahren, Produktionsaufzeichnungen zu führen und Produkte/Tiere korrekt zu kennzeichnen uvm. Weiters findet ein ausführlicher Betriebsrundgang statt, um die Praxis zu überprüfen, Produktionsvorgänge live einzusehen, ob alles stimmig, plausibel und richtlinienkonform ist. An dieser Stelle werden risikobasiert Proben gezogen und anschließend an Labore eingeschickt, um das Vorhandensein von GVOs auch analytisch zu untersuchen (z. B. bei Futtermitteln).

Am Ende jeder Kontrolle steht ein ausführlicher Kontrollbericht, in dem Abweichungen, Korrekturmaßnahmen und Umsetzungsfrist festgehalten sind. Der Bericht wird sorgfältig durchbesprochen und von Kontrolleur und Betrieb unterschrieben.

Hier ist allerdings noch lange nicht Schluss. Da es sich um einen akkreditierten Standard handelt, prüft im Rahmen des Vier-Augen-Prinzips im Büro ein anderer Fachmitarbeiter den gesamten Bericht und alle Details zur Kontrolle nochmals, ob alles zusammenpasst. Dies wird in der Fachsprache als „Bewertung und Zertifizierung“ bezeichnet. Erst danach steht das Ergebnis der Kontrolle fest und entscheidet schlussendlich, ob ein Betrieb richtlinienkonform ist. Betriebe, die ein GVO-frei deklariertes Produkt vermarkten, brauchen ein Zertifikat, das die richtlinienkonforme Produktion bestätigt. Dieses Zertifikat wird von der Kontrollstelle nach Abschluss einer positiven Kontrolle, Bewertung und Zertifizierung ausgestellt und ist nur begrenzt gültig.

Frage: Wo beginnt und wo endet die Kontrolle? Um bei deinem obigen Beispiel zu bleiben – welche Vorstufen in der Wertschöpfungskette werden von euch direkt geprüft, wo verlasst ihr euch auf bestehende Zertifikate oder Gentechnik-frei Erklärungen?

Neudorfer:
Alle Betriebe, die in Österreich produzieren, werden direkt geprüft, wenn sie Gentechnik-freie Produkte herstellen oder Teil des Produktionsprozesses eines Gentechnik-freien Produktes sind. Das geht von der Futtermittelfirma über Landwirt:innen bis zu Verarbeitern, Zwischenhändlern usw. – bis das Endprodukt fertig verpackt und etikettiert ist. Auch wenn jemand eine Lohntätigkeit vergibt, ist das Teil der Kontrolle. Entweder das Unternehmen, das die Lohntätigkeit ausübt, hat selbst eine GVO-frei-Zertifizierung und somit ein Zertifikat, oder es wird im Rahmen der Kontrolle des Betriebes mitgeprüft.

Bei zugekauften Produkten oder Betriebsmitteln auf pflanzlicher Basis kann man sich auf die Angaben auf den Zukaufsbelegen oder auf Zusicherungserklärungen verlassen – aufgrund der von der EU gesetzlich vorgegebenen Kennzeichnungspflicht von GVOs. Ob diese Angaben stimmen, wird dennoch zusätzlich durch gezogene Proben analytisch überprüft. Hinter tierischen Lebensmitteln oder Zutaten steckt immer eine direkte Vor-Ort-Kontrolle.

All das ist sehr genau im Kontrollleitfaden des Wirtschaftsministeriums vorgegeben, auf welchen Stufen in welcher Tiefe zu prüfen ist. Dies ist ähnlich bzw. analog zur Umsetzung in der BIO-Zertifizierung – und auf sehr hohem Niveau und gut abgesichert. Denn es handelt sich um einen akkreditierten Standard, da müssen Kontrollstellen sich an klare Vorgaben und Abläufe halten.

Frage: Wie oft wird ein Unternehmen von euch kontrolliert. Gibt es Unterschiede in der Häufigkeit oder Intensität?

Neudorfer:
Hier gibt es Unterschiede, die im Standard oder im Kontrollleitfaden im Detail geregelt oder vorgegeben sind. Der Großteil ist exakt vorgegeben.

Betriebe, die ein „Ohne Gentechnik hergestelltes“ Produkt vertreiben, werden mindestens 1x jährlich geprüft – teilweise sogar öfter. Betriebe, die in der Vorstufe tätig sind, werden risikobasiert, aber mindestens 1x alle vier Jahre vor Ort geprüft. Mit erhöhter Risikoklasse kann es auch zu einer Kontrolle alle zwei Jahre oder zu jährlicher Kontrolle kommen. Zusätzlich können Nachkontrollen oder zufällige Stichprobenkontrollen hinzukommen, um Korrekturmaßnahmen auf ihre Umsetzung vorzeitig nochmals vor Ort zu überprüfen. In Summe kann man sagen, dass die Gentechnik-Freiheit in Österreich durch ein sehr engmaschiges Kontrollnetz abgesichert ist.

Frage: Wo liegen die Unterschiede bei der Kontrolle – z.B. zwischen einem Verarbeitungsbetrieb, einem Futtermittelwerk und einem Landwirt?

Neudorfer:
Mit Sicherheit ist ein Faktor die Kontrolldauer – je komplexer, vielfältiger und größer ein Betrieb ist, umso länger dauert die Kontrolle. Bei Verarbeitungsbetrieben kann eine Kontrolle mehrere Tage dauern. Prüfpunkte und Prüfthemen bleiben grundsätzlich immer die gleichen, unterscheiden sich aber natürlich im Detail.

Nehmen wir als Beispiel die Betriebsmittelzukäufe: Hier ist Teil der Kontrolle, ob die Belege vorhanden sind und ob die Zukäufe den Richtlinien entsprechen. Dies ist je nach Unternehmen natürlich sehr unterschiedlich: Tierzukäufe, Futtermittel, Saatgut-, Pflanzenschutzmittel, Düngemittel usw.

Bei einer Molkerei wären es Rohstoffzukäufe (Milch, Käse, Rahm etc.) und Zutaten (Lab, Kulturen, Gewürze, Früchte, Zucker etc.). Also alles, was in der Produktion verwendet wird, unterliegt der Kontrolle.

Frage: Wie reagieren die kontrollierten Betriebe bzw. Personen?

Neudorfer:
Das ist unterschiedlich. Am Anfang waren derart engmaschige und strenge Kontrollen für viele neu und ungewohnt. Grundsätzlich haben natürlich wenige Freude mit Kontrollen – wem gefällt das schon, wenn jemand unangekündigt vor der Tür steht und sämtliche Unterlagen und Prozesse einsehen will. Aber es wird sehr wohl anerkannt, wie wichtig Kontrollen für einen Standard in der Vermarktung und für die Konsument:innen sind, wenn Qualität dahintersteckt und ein Marktvorteil erzielt werden soll.

Frage: Auf dem Etikett des Lebensmittels steht dann: „Ohne Gentechnik hergestellt“ – gemäß Österr. Lebensmittel-Codex, kontrolliert durch – in eurem Fall: – SLK. Was bringt diese Information den Konsument:innen?

Neudorfer:
Dies ist eine sehr wichtige Information und dient der Transparenz und der Rückverfolgbarkeit. Transparenz ist heute das Um und Auf für die Konsument:innen. Es schafft Vertrauen. Nur Transparenz macht es den Konsument:innen möglich, eine bewusste Kaufentscheidung zu treffen.

Ein guter Standard führt am Produkt an, was seine Basis ist und wer kontrolliert. So kann dies jede:r direkt hinterfragen und prüfen, ob die Angaben stimmen – z.B. durch Einsicht in das Kontrollzertifikat. Das ist ein wichtiges Schlüsselelement, um alles transparent und rückverfolgbar zu halten.

Frage: Während der unterschiedlichen Kontrollgänge erlebt man wohl sehr unterschiedliche Situationen – lustig, stressig, o.ä. Was ist da bei dir besonders hängen geblieben?

Neudorfer:
Auf alle Fälle erlebt man wahnsinnig viel. Man braucht zur fachlichen Kompetenz auch ein gutes Gespür und Empathie, um mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten umgehen zu können. Jeder Mensch ist anders und reagiert in Prüfsituationen anders. Bei weitem nicht jeder ist für diese Tätigkeit geeignet und innerhalb der Kontrollstelle ist die Mitarbeiterkompetenz, -qualifizierung und Fort- und Weiterbildung ein großer und maßgeblicher Teil.

Witzig ist oft, wie unterschiedlich die Ausdrucksweisen für gleiche Dinge sind (Mundart) – hier braucht man oft nicht weit fahren, und es werden für dieselben Dinge unterschiedliche Wörter verwendet. Da kann es schon mal zu witzigen „Missverständnissen“ kommen, wenn man neu als Kontrollorgan startet. So heißt der Mais in einem Gebiet umgangssprachlich „Türken“, in einem anderen „Kukuruz“. Oder: In einer Region ist die „Kammer“ die Tenne, also der Bereich zwischen Wohngebäude und Stallung, und in einer anderen Region das Schlafzimmer. Oder wenn „Goggei“ in einem Bundesland der Hahn (männliches Huhn) ist und in einem anderen Bundesland das Ei.

Frage: Im Vergleich zu anderen Lebensmittel-Qualitätszeichen: Wie würdest du da die Verlässlichkeit bzw. Gründlichkeit des „Ohne Gentechnik“-Systems im Vergleich sehen?

Neudorfer:
Es gibt mittlerweile Siegel wie Sand am Meer – egal ob bei Bio oder konventionell. Gerade deshalb ist Transparenz so wichtig, weil man sonst die Orientierung verliert. Im Vergleich zu anderen Siegeln und Qualitätszeichen gehört die „Ohne Gentechnik hergestellt“-Auslobung in Österreich ganz vorne dazu, was Verlässlichkeit und Gründlichkeit betrifft – da eben ein detailliertes und unabhängiges Prüfsystem über die ganze Wertschöpfungskette dahintersteht. Ähnlich wie auch beim EU-BIO-Logo oder beim AMA-Gütesiegel, um ein paar weitere Beispiele zu nennen.

Ich kann nur jeder/m raten, sich wirklich im Detail damit zu beschäftigen. Generell wäre es gut, wenn wir Menschen uns wieder mehr mit dem, was wir essen, beschäftigen würden. Nur so können wir bewusste Kaufentscheidungen treffen.

Ein qualitativ hochwertiger Standard hat ein detailliertes Regelwerk als Basis, setzt Kontrollen über die ganze Wertschöpfungskette voraus und sichert die Qualität durch externe, unabhängige, akkreditierte Kontrollstellen ab.

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