VLOG e.V., ENGA und ARGE Gentechnik-frei rufen Europaparlamentund Rat dazu auf, dem unausgereiften Trilog-Ergebnis zur Deregulierung nicht zuzustimmen

Hintergrund: Trilog-Abschluss am 4. Dez. 2025

1. Unmittelbare Reaktion der „Ohne Gentechnik“

Mit großer Sorge und heftiger Kritik reagiert die ARGE Gentechnik-frei, in enger Abstimmung mit den anderen großen europäischen „Ohne Gentechnik“-Wirtschafts­verbänden ENGA (European Non GMO Industry Association) und VLOG e.V., auf den mitten in der Nacht auf den 4. Dez. erfolgten Abschluss der Trilog-Verhandlungen über die geplante Deregulierung der Neuen Gentechnik (NGT).

Schon in den Wochen davor hagelte es von vielen Seiten Kritik: Denn essenzielle Aspekte des Gesetzesvorschlags, wie Transparenz, Kennzeichnung, Rückverfolgbarkeit und Verbot von Patentierungen, wurden im Rahmen des Trilogs kaum ernsthaft diskutiert – obwohl das Europaparlament, zahlreiche Mitgliedsstaaten und insbesondere die großen europäischen Lebensmittelhändler und -hersteller dies mit aller Deutlichkeit verlangten.

Undemokratischer Prozess – viele Schlüsselthemen Themen wurden kaum diskutiert
Der Trilog-Prozess wurde von wesentlichen Protagonisten von allem Anfang an nicht als fachliche Diskussion über Risiken, Folgen und Verantwortlichkeiten verstanden bzw. geführt. Stattdessen wurden zentrale wissenschaftliche und regulatorische Fragen kaum oder gar nicht diskutiert – darunter Patente, Rückverfolgbarkeit, Kennzeichnung, Einhaltung des Vorsorgeprinzips.

Klare Position des Europaparlaments im Trilog schlichtweg ignoriert
Das klare, am 24. April 2024 beschlossene Mandat des Europäischen Parlamentes für Transparenz, Rückverfolgbarkeit, Kennzeichnung und ein Verbot der Patentierbarkeit wurde im Trilog weitgehend ignoriert. Wesentliche Vorbehalte namhafter Mitgliedsstaaten blieben unberücksichtigt.

Stattdessen dominierten bis zuletzt politische Drohkulissen: So drohte erst Mitte November der dänische Ratsvorsitz öffentlich, den üblichen Trilog-Prozess zu unterlaufen und den Gesetzesvorschlag direkt zur zweiten Lesung ins EP zu bringen. Gleichzeitig signalisierten Teile der EVP offen die Bereitschaft, gemeinsam mit den Rechten und Ultra-Rechten die weitestgehend unregulierte Öffnung der Märkte für NGT-Produkte und Pflanzen durchzusetzen.

2. Was bedeutet das Trilog-Ende nun konkret? – auf der politischen Ebene

Der Gesetzgebungsprozess ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Eine Reihe weiterer politischer Entscheidungsprozesse/Abstimmungen steht noch bevor:

2.1. EU-Institutionen:

  • Abstimmung im ENVI: Der beim Thema NGT federführende Umweltausschuss (ENVI) kann den Text erneut aufrollen.
    • Darauf folgt im nächsten Schritt die Abstimmung im Plenum des Europa-parlaments: Mehrere Fraktionen bereiten bereits Änderungsvorschläge vor – speziell zu vielen der offenen Fragen, die gezielt im Trilog nicht diskutiert wurden. Wird einer dieser Vorschläge mit einfacher Mehrheit angenommen, muss dieses Thema nochmals aufgerollt werden.Rat der 27: Eine qualifizierte Mehrheit im Rat ist aktuell nicht sichergestellt, da mehrere Mitgliedsstaaten weiterhin zentrale Bedenken äußern.

2.2. Zeitliche Dimension

Europa ist weit davon entfernt, auch wirklich mit konkreten Produkten aus der Neuen Gentechnik auf dem Markt konfrontiert zu sein:

  • Auch wenn der dänische Ratsvorsitz mit Vehemenz auf einen Abschluss drängt, kann es noch einige Zeit dauern, bis die Gesetzesvorlage wirklich verabschiedet wird (siehe z.B. auch Entwaldungsgesetz, Lieferkettengesetz, …)
  • Bis zur verpflichtenden Anwendung ist eine Frist von zwei Jahren nach Verabschiedung des Gesetzes vorgesehen. In dieser Übergangszeit müssen zahlreiche Durchführungsbestimmungen erarbeitet werden – es ist möglich, dass die Zwei-Jahres-Frist dafür nicht ausreichen könnte.

Damit wird deutlich: Es besteht kein objektiver Zeitdruck, der eine überhastete Deregulierung rechtfertigen könnte. Erst einmal müssen die offene Fragen zu Sicherheit, Kennzeichnung, Rückverfolgbarkeit und Patentierung verantwortungsvollgeklärt werden..

2.3. Internationale Realität beim Anbau von NGT: Kaum NGT am Markt!

  • Weltweit sind derzeit nur drei (!) NGT-Produkte im kommerziellen Anbau – zwei herbizidresistente Maissorten in den USA und eine blutdrucksenkende Tomate in Japan. Zwei weitere Produkte wurden mangels Anbauerfolg und wirtschaftlichem Nutzen bereits wieder vom Markt genommen.
  • Die vielfach postulierte „weltweite NGT‑Revolution“ findet jedenfalls aktuell nicht statt. Statt eines breiten internationalen Rollouts zeigen die bisherigen Erfahrungen vor allem wirtschaftliche Unsicherheiten und begrenzte Marktakzeptanz.

3. Auswirkungen auf den Lebensmittelsektor (insb. „Ohne Gentechnik“ und Bio)

  • Bio und „Ohne Gentechnik“: NGT bleiben in den Standards ausgeschlossen

Für die Bio-Landwirtschaft und die „Ohne Gentechnik“-Standards ändert sich grund­sätzlich nichts: Der Einsatz von NGT wird in den Standards explizit ausgeschlossen. Die Branchenverbände arbeiten bereits intensiv an präzisierten und harmonisierten Vorgaben. Details dazu werden beim Non-GMO Summit 2026 am 13. Mai in Frankfurt vorgestellt und diskutiert.

  • Große Fortschritte bei Nachweisverfahren für NGT

Im Bereich der Nachweismethoden wurden in den letzten Jahren erhebliche methodische Fortschritte erzielt. Es ist absehbar, dass der Einsatz von NGT in Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion in den meisten Fällen identifizierbar sein wird. Ein Risiko, dessen sich alle Akteure bewusst sein müssen, die auf NGT setzen bzw. diese für ihr Produktsortiment verwenden.

  • Konsument:innen lehnen Gentechnik weiterhin klar ab

Die Marktforschung in unterschiedlichsten europäischen Ländern zeigt: Konsu­ment:innen wollen eindeutig keine Gentechnik in ihren Lebensmitteln – auch keine Neue Gentechnik.

  • Bei einer europaweiten (!) Umfrage im Jahr 2021 sprach sich eine deutliche Mehrheit von 68% für eine Kennzeichnung von Lebensmitteln aus, die mit den Verfahren der Neuen Gentechnik hergestellt wurden.
  • 82% der dänischen Konsument:innen sprechen sich gegen eine Deregulierung von NGT aus (Nov. 2025).
  • 79,7% der österreichischen Konsument:innen sind der Ansicht, dass durch die geplante Deregulierung die Rechte der Konsument:innen eingeschränkt werden und ihnen die Wahlfreiheit genommen wird. 85,1% wollen eine Kennzeichnung von Produkten aus bzw. mit NGT (Sept. 2025).

In Zukunft bieten nur Bio und „Ohne Gentechnik“ glaubwürdige Garantien für Wertschöpfungsketten „Ohne Gentechnik“ und ohne NGT.